Der Weg hinaus führt hinein

Eine schöne Begleiterscheinung des Älterwerdens ist, dass man sich das Leben nicht mehr unnötig kompliziert macht. Seit einigen Jahren versuche ich, keinen unnötigen Besitz mehr anzuhäufen, in meinem Terminkalender Luft zum Atmen zu lassen und Nein zu sagen, wenn ich etwas wirklich nicht (tun) will. Manchmal geling es, Tendenz steigend. Und ich wage zu behaupten, dass mich allein das Üben dieser vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu einem freundlicheren Menschen macht.

Und doch bringen mich manchmal die einfachsten Dinge komplett aus dem Gleichgewicht. Ein Nachbar, der sich darüber beschwert, dass ich meine Schuhe vor der Haustüre stehen lasse, ein Mitarbeiter des Paketlieferdienstes, der mich anschnauzt, weil ich ein Paket für eine mir unbekannte Person im Haus nicht entgegennehmen will oder die Katze, die mich schon den ganzen Tag ignoriert.

Interessant ist, dass diese Beispiele eines gemeinsam haben. Ich rege mich nur dann auf, wenn es mir gerade nicht gut geht. Wenn ich im Stress bin, Schmerzen habe, zu wenig geschlafen, zu viel gegessen oder einfach schlechte Laune habe. Mit anderen Worten: wenn ich mich unwohl fühle. Aber letztlich ist es genau das Gegenteil, was wir am Ende des Tages wollen: Wir wollen uns wohl fühlen und ein angenehmes Leben führen.

Und wenn wir ehrlich sind, dann wollen wir bei allem, was wir tun, genau das. Wir machen Karriere, gründen eine Familie, kaufen uns schöne Dinge, trinken teuren Wein, machen schöne Reisen. Daran ist an sich nichts falsch. Wenn wir uns wohl fühlen, sind wir auch nett zu anderen und das wiederum würde die Welt zu einem schöneren Ort machen, wenn es denn so einfach funktionieren würde. Aber meistens wird das Leben nicht angenehm, zumindest nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben.

Man kann sich in allerhand emotionale Zustände versetzen, um sich irgendwie ein bisschen wohler zu fühlen, aber meist ist das nur von kurzer Dauer. Schon ein Tag schlechtes Wetter im Urlaub oder ein unfreundlicher Paketbote bringt das ganze Kartenhaus ins Wanken. Und wenn es nicht in sich zusammenfällt, erwarten wir zumindest, dass das irgendwann geschehen könnte.

Solange wir unser inneres Leben von äußeren Umständen abhängig machen, drehen wir uns im Kreis. Was also tun (sofern wir da denn rauswollen, muss man ja nicht)?

Dazu gibt es eine schöne Geschichte aus der indischen Mythologie von König Janaka und dem Weisen Ashtavakra.

König Janaka herrschte über ein reiches, blühendes Königreich. Seine Paläste waren aus Marmor, seine Höfe voller Musik und seine Schatzkammern quollen über vor Gold. Doch trotz dieses Reichtums suchte er nach etwas, das ihm fehlte. Er suchte nach echter innerer Freiheit.

Eines Tages hörte er von Ashtavakra, einem jungen Weisen, dessen Körper von Geburt an verkrümmt war, dessen Geist jedoch klar und grenzenlos frei sein sollte. Neugierig ließ Janaka ihn an seinen Hof bringen.

Als Ashtavakra den prunkvollen Saal betrat, begannen einige Höflinge über seine ungewöhnliche Erscheinung zu lachen. Doch Ashtavakra lachte lauter als alle anderen. Der König fragte verwundert: „Warum lachst du?“ Ashtavakra antwortete ruhig: „Ich lache, weil ich dachte, ich sei unter weisen Menschen. Doch ich sehe nur jene, die nach Körpern urteilen, nicht nach Wahrheit.“

Janaka war beeindruckt von dieser Furchtlosigkeit. Er schickte den Hof fort und bat Ashtavakra, ihn zu lehren. Der Weise sagte: „Du glaubst, du seist ein König, gebunden an dein Reich, deine Pflichten, deinen Besitz. Doch das ist nur eine Rolle. Du bist nicht das, was du besitzt. Du bist das Bewusstsein, das all das beobachtet.“

Janaka runzelte die Stirn. „Wie kann ich frei sein, wenn ich von so vielen Dingen abhängig bin?“ Ashtavakra erwiderte: „Freiheit kommt nicht davon, alles aufzugeben. Freiheit kommt, wenn Du erkennst, dass nichts dich wirklich besitzt.“

Um diese Lehre zu prüfen, stellte Ashtavakra den König auf die Probe. Während eines tiefen Gesprächs ließ er plötzlich verkünden, dass der Palast in Flammen stehe. Die Höflinge rannten panisch hinaus, um ihre Schätze zu retten. Auch Janaka sprang auf, zögerte jedoch. Ashtavakra blieb sitzen und fragte ruhig: „Was gehört dir wirklich, das verbrannt werden könnte?“

Janaka hielt inne. In diesem Moment erkannte er etwas Entscheidendes: Sein Körper, sein Palast, sein Königreich, all das konnte verloren gehen. Doch das Bewusstsein, das all dies wahrnahm, blieb unberührt.

Er setzte sich wieder hin. „Lass es brennen“, sagte er leise. „Ich bin nicht das, was verloren gehen kann.“ Da lächelte Ashtavakra. „Jetzt bist du frei. Nicht, weil du nichts besitzt, sondern weil nichts dich besitzt.“

Und so regierte Janaka weiter als König. Aber innerlich war er nicht mehr gebunden. Reichtum oder Verlust, Lob oder Kritik, all das berührte ihn nur noch wie Wind die Oberfläche eines Sees.

Aus dieser Geschichte können wir lernen, dass zwischen uns und dem eigenen Wohlbefinden nur eine simple Sache steht: Wir lassen zu, dass unsere Gedanken und Emotionen ihre Anweisungen von außen bekommen statt von innen. Wir meinen, wir müssten nur die äußeren Bedingungen verbessern, um alles, was sich im Inneren befindet, in Ordnung zu bringen. Wir tun es immer wieder. Und eigentlich können wir nichts anderes tun als in solchen Momenten einen Zettel aus der Hosentasche zu ziehen, auf dem steht: »Jede menschliche Erfahrung ist zu hundert Prozent von uns selbst geschaffen.«

Wenn unsere Gedanken und Emotionen aber von uns selbst gemacht werden, können wir sie formen, wie wir möchten. So einfach ist das. Eigentlich.

Es ist wie so oft im Leben. Wir müssen es nicht auf den Kopf stellen, damit es uns besser geht. Oft hilft schon ein Richtungswechsel, zumindest, um es im Moment grad wieder ein bisschen besser auszuhalten. Und das gilt in besonderem Masse für die innere Freiheit. Sie bedeutet nicht, die Welt, in der wir gerade sind, zu verlassen. Sie bedeutet, dass wir mitten in ihr stehen, ohne uns von ihr gefangen zu fühlen.

Dazu ein schöner Satz von Sadhguru:

»Wenn Du nach außen strebst, ist Deine Reise endlos. Wenn Du Dich nach innen wendest, dauert sie nur einen einzigen Moment.«

(aus »Die Weisheit eines Yogi«, Verlag O.W. Barth 2017)

Wer es gerne wissenschaftlich belegt hätte, dass wir unsere Gefühle und Emotionen selber konstruieren, dem sei das herausragende Buch der Psychologieprofessorin Lisa Feldman Barrett »Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen« (Rowohlt Verlag 2023) sehr empfohlen.

Marion Völger

www.silentmoves.blog

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