Die Rückkehr der Komfortzone
Seit längerer Zeit frage ich mich, weshalb die Komfortzone eigentlich so in Verruf geraten ist. Ich vermute, sie wurde, wie viele schöne Dinge des Lebens, von der Selbstoptimierungswelle der letzten Jahre überrollt. Da alles kommt und alles geht, finde ich, dass es nun Zeit ist für die Rückkehr der Komfortzone.
Meine These ist nämlich folgende: Wir brauchen die Komfortzone. Nicht ständig, aber immer wieder und immer mehr. Die Komfortzone macht uns zufrieden und freundlich. Mir scheint, das braucht die Welt im Moment dringend. Zwischen all den Menschen, die dem Next Level, der vollständigen Potenzialentfaltung oder ständiger medialer Präsenz entgegenstreben braucht es noch ein paar, die einfach mal stehen bleiben und im besten Falle einen klärenden Gedanken fassen.
Ich habe den Verdacht, dass der schlechte Ruf der Komfortzone nicht wenig mit dem allgegenwärtigen Aufmerksamkeitsdefizit zu tun hat. Was spricht eigentlich dagegen, einfach mal zu bleiben, wo man gerade ist? Die Philosophin Eva Redecker hat den Begriff der »Bleibefreiheit« geprägt. Ich liebe diesen Begriff und je länger ich ihn wirken und in mir ausbreiten lasse, umso freier fühle ich mich im wahrsten Sinne des Wortes.
»Bleibefreiheit« ist wie Aufatmen. Nicht irgendwo hinzumüssen lässt mich wachsen. Nicht höher, weiter, schneller. »Bleibefreiheit« lässt mich in die Tiefe wachsen. Und wenn ich den Gedanken ein wenig weiterwachsen lasse, schließe ich daraus, dass man durchaus in der Komfortzone wachsen kann, sofern man die Geduld hat, sich zu erden und zu verwurzeln.
Bloß ist es gar nicht so einfach, im Leben immer fest verwurzelt auf dem Boden der Tatsachen zu stehen. Es gibt Tage und Zeiten im Leben, da wackelt einfach alles. Da kann ich nicht mal ruhig auf der Matte stehen und ein Bein anzuheben, versuche ich lieber gar nicht erst. Und je mehr ich es dann doch versuche, umso schlimmer wird es. Weshalb ist das so?
Es ist wie im Leben. Widerstand erzeugt selten positive Energie oder gar Klarheit und Stabilität. Das Geheimnis liegt darin, das Leben so anzunehmen, wie es ist, und Frieden zu schließen mit den Bedingungen und Herausforderungen unseres Daseins.
Man kann also auch einfach aufhören, sich über die momentan hohen Benzinpreise aufzuregen und die Schuld bei denjenigen zu suchen, die Getriebene ihres eigenen Treibens sind. Stattdessen kann man sich auch überlegen, ob die eine oder andere Fahrt mit dem Auto im Moment zwingend notwendig ist.
Auf der Matte kann ich leicht feststellen, wie geerdet ich gerade bin. Ich übe Tadasana – die Berghaltung. In dieser scheinbar einfachen Haltung lässt sich einiges erfahren.
Berge sind in der indischen Kultur heilige Orte. Deshalb steht auch jeder Hindutempel auf einem Berg oder ist gebaut wie ein Berg. Er muss immer über etliche Stufen erklommen werden. Der Berg steht im Yoga auch immer symbolisch für den Weltenberg Meru. Er ist der Mittelpunkt des mystischen Universums. Er ist unvorstellbar hoch und sein Gipfel verliert sich in den Weiten des Himmels. Gleichzeitig wurzelt er unendlich tief in der Erde. Meru ist auch der Ursprung aller großen Flüsse, die in den Ebenen die Felder bewässern und die Menschen so nähren. Jeder Mensch trägt mit seiner Wirbelsäule ein Abbild des Weltenberges in sich, so heißt es in verschiedenen Yogatexten.
Es gibt so viele schöne Bilder im Yoga, wonach wir die ganze Welt stets in uns tragen, dieses gefällt mir aber besonders. Und so stelle ich mir vor, während ich ausgerichtet auf der Matte stehe, wie sich die beiden Pole verbinden: der Kosmos, in den sich unser Geist unendlich weit zu öffnen vermag, und die Erde, auf der wir leben und die uns nährt.
Verweilen wir in Tadasana, können wir üben, gleichzeitig zu wollen und zuzulassen. Es ist ein Gedanke aus dem Tao, der davon ausgeht, dass wollen und zulassen verschieden und gleich sind. Man kann sich vorstellen, dass sich wollen (oder wünschen) und zulassen (oder wunschlos sein) auf einer Endlosschleife befinden. Wollen oder wünschen wir, so hilft es uns, etwas (im Aussen) wahrzunehmen. Sind wir gleichzeitig wunschlos und lassen etwas zu, so hilft es uns, etwas (im Innen) zu sehen.
Vielleicht sollten wir weniger uns entfalten, vielmehr sollten wir die Welt sich entfalten lassen, ohne immer alles verstehen zu müssen. Und manchmal hilft es auch, sich bewusst zu machen, dass es bei unseren Wünschen um die Vorstellung geht, wie die Welt sein sollte, nicht wie sie im Augenblick ist.
Weniger beurteilen und mehr zuhören kann helfen, mit der Ungewissheit umzugehen, die wir alle erleben. Das wäre dann der Gipfel der Komfortzone.
Marion Völger
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