Vom Wesen der Freundlichkeit
Es gibt ein untrügliches Zeichen, das mir sagt, dass mit meiner Freundlichkeit zu mir selbst gerade etwas schiefläuft: Ich bin unfreundlich zu meinem Mann. Wegen Nichtigkeiten.
Aber das Problem ist ja bekanntlich nie das Problem, wenn wir streiten. Es geht nicht um die liegengelassene Wäsche oder den vergessenen Einkauf. Es geht um ein Grundbedürfnis dahinter. Und fast immer geht es darum, dass wir gerade mit uns selbst nicht sonderlich zufrieden sind.
Fühle ich mich unzufrieden, kommt unweigerlich der Reflex, mir »Gutes zu tun«. Ein warmes Bad, einen süssen Kakao oder ein neues Buch, das im Idealfall mein Leben verändern wird. Leider ist es aber nicht so einfach mit der Selbstliebe. Sie verlangt von uns, dass wir uns mit unserem Herzen verbinden. Und das ist kein Wellnessprogramm, denn es bedeutet immer, sich mit seinem Schatten zu verbinden und sich selbst zu begegnen, auch dort, wo man nicht hinschauen mag. Selbstliebe bedeutet deshalb auch ganz werden.
Dies war ein Teil meiner Reise, die ich in den letzten zweieinhalb Jahren unternommen habe. Ich habe beobachtet, was geschieht, wenn man aus einem langjährigen Berufsleben verschwindet und alles Vertraute hinter sich lässt. Wie es sich anfühlt, wenn Kalender, Mailaccount und das Smartphone still werden und man plötzlich mit sich selbst klarkommen muss. Wer man ist, wenn keiner zuschaut.
Und ich habe ein Buch darüber geschrieben:
Auf meinem Weg begegneten mir Themen, die sich oft in der Mitte des Lebens zeigen: Erinnerung und das Vergessen, Langsamkeit und die Zeit, das Aushalten und die Endlichkeit, um nur einige davon zu nennen. Meine Reise hat mir gezeigt, dass alles schon da ist. Das ist nicht nur so ein Spruch, wie ich immer dachte. Es ist wirklich so. Ich musste nur endlich hören.
Mut zur Stille ist deshalb kein Buch über das Schweigen, sondern über das Hören – auf die eigene Stimme und auf das, was im Leben wirklich wichtig ist.
Gerne teile ich an dieser Stelle einen kleinen Auszug daraus:
»Ich wanderte aus ins Ungewisse und hatte in meiner alten Heimat vieles hinter mir gelassen, das sich natürlich nicht einfach abstreifen ließ. Was vor mir lag, würde sich zeigen. Was ich nun tagtäglich fühlte, war aber keine Stille. Es war innere Unruhe. Nicht im Sinne von Angst vor dem Ungewissen oder Zweifeln an den Entscheidungen, die ich getroffen hatte. Es war nicht dieses berühmte Loch, in das man fallen soll, wenn man aus dem hochtourigen Arbeitsprozess aussteigt und vorläufig keiner bezahlten Arbeit mehr nachgeht. Vielmehr fühlte es sich an wie ein Häuten, ein Transformationsprozess, von dem ich dachte, ich hätte ihn bereits hinter mir. Dieser neue Zwischenraum war eine Leerstelle, die ich nun einfach aushalten musste und auch wollte. Aber manchmal war die Leerstelle unglaublich laut.
Noch vor nicht allzu langer Zeit wäre ich in einen Aktivismus verfallen. Ich hätte mir ein Trainingsprogramm verordnet, eine neue Ernährungsform ausprobiert, eine sauber durchgetaktete Morgenroutine eingeführt oder sonst irgendetwas angestellt, was mir Sicherheit vorgegaukelt hätte. Das konnte ich zwar gut, tat ich aber nicht. Nicht weil ich besonders vernünftig oder auf dem Weg zur Erleuchtung war, sondern weil irgendetwas in mir drin sagte, dass diese Zeiten vorbei sind. Und weil ich zu erschöpft war.
Es sollte noch einige Zeit dauern, bis ich wirklich verstehen würde, dass es nicht die äußeren Umstände waren, die mich so ausgelaugt hatten. Sie waren einfach der Antrieb für meinen ständigen Aktivismus. Die Initiative aber ging von mir selbst aus. Das Tun bildete das Fundament für mein Sein. Nun war es Zeit für eine Umkehrung. Ich wusste nur noch nicht, wie.
Irgendwann entdeckte ich in dem ganzen Lärm der Leerstelle ein äußerst unangenehmes Gefühl: Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Woher kam dieses schlechte Gewissen und wem gegenüber hatte ich es?
Anfänglich glaubte ich, einen Glaubenssatz aus meiner Kindheit identifiziert zu haben. In meiner Familie musste man arbeiten, um »etwas wert« zu sein. Bis vor zwei Monaten kannte ich es schlicht und einfach nicht, nicht zu arbeiten. Damit war ich in guter Gesellschaft, ich schätze mal, den meisten Menschen der Nachkriegsgenerationen geht es so. Aber war es so einfach? Eigentlich war ich ja über den Punkt hinweg, indem ich meiner Kindheit für jegliches Unwohlsein die Schuld geben konnte und wollte.
Der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Blaise Pascal soll bereits im 17. Jahrhundert festgestellt haben, dass alles Unheil auf der Welt daher kommt, dass Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können. Der Yogalehrerin in mir war und ist das »in Ruhe allein sitzen« bestens vertraut und ich kann wunderbar nichts tun. Allerdings musste ich dafür nicht Yogalehrerin werden, das konnte ich schon als Kind sehr gut. Das war also nicht der Grund für meine Unruhe.
Mein schlechtes Gewissen kam vielmehr daher, bis auf Weiteres kein »wertvolles Mitglied der Erwerbsgesellschaft« oder eben keine »Leistungsträgerin« mehr zu sein.
(...)
In diesen ersten Wochen meines neuen Lebens begann ich zu verstehen, dass es nicht nur um das Aushalten, sondern auch um das Innehalten ging. Hielt ich etwas lange genug aus, so führte mich dies in den Moment zwischen Reiz und Reaktion. Ich hielt inne. Ich legte mir damals Folgendes zurecht und es gefällt mir auch heute noch:
Aushalten ist in der Welt des Karma Yoga zu verorten. Es erleichtert das Leben ungemein und funktioniert so: Ich tue immer das, was gerade zu tun ist, ohne meine Zufriedenheit davon abhängig zu machen. Dazu braucht es keinen Plan. Und ich fange keine innere Diskussion darüber an, ob es dann nicht auch noch bis morgen Zeit hätte. Hört sich einfach an? Ist es nicht. Aber es gibt mir immer wieder eine wohltuende Distanz zu meinem Ego, wenn es auch nur für eine halbe Stunde ist. Der Schritt zum Innehalten ist für mich damit aber nur halb getan.
Innehalten bedeutet für mich, meine Gedankenschleifen, die sich um mein Ego schlängeln, immer wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen. Innehalten ist in unserer Welt nicht vorgesehen, deshalb muss man es lernen. Es scheint einfach: Man setzt einen Anker und verbindet Geist und Körper miteinander. Dafür gibt es verschiedene Rezepte. Zum Beispiel kann man sich die Gedanken als die berühmten Wölkchen vorstellen, die dann vorbeiziehen. Das klappt bei mir leider nicht. Diese Wölkchen vermehren sich auf eigenwillige Weise und werden zur Wolkendecke, auch nach bald zwanzig Jahren mehr oder weniger regelmäßiger Meditationspraxis. Aber die Sache mit dem Atem, die funktioniert zuverlässig. Einfach die Augen schließen und wahrnehmen, was der Körper mit der Einatmung und mit der Ausatmung anstellt.
So pendelte ich nun ein wenig zwischen Aushalten und Innehalten hin und her. Für den Moment war dies mein Anker, der die Welt wieder etwas leiser werden ließ.«
Magst Du wissen, wie die Reise weitergeht? Hier die Infos zum Buch:
https://silentmoves.blog/mut-zur-stille-das-buch/
In der Sache mit der Freundlichkeit bin ich übrigens zu einem einfachen Schluss gekommen: Sei immer mindestens so nett zu Dir selbst, dass es Dir nicht schwerfällt, zu anderen freundlich zu sein.
Diese einfache Praxis entwickelt sich in meinem Fall sehr langsam. Ich durfte lernen, dass das sein darf. Langsamkeit ist ja auch ein Ausdruck von Freundlichkeit.
Marion Völger
Das Buch kannst Du ab sofort bei der Buchschmiede Wien bestellen:
https://www.buchschmiede.at/app/book/314813-Marion-Volger-Mut-zur-Stille;bookType=PB
Oder überall, wo es Bücher gibt.

