Erst einmal abwarten und beobachten
Im Januar stehen die Zeichen auf Neubeginn. Und jedes Jahr frage ich mich aufs Neue (!), weshalb mein Gefühl ein ganz anderes ist. Es war mir beispielsweise schon immer ein Rätsel, weshalb man sich ausgerechnet im Januar den Vorsatz nehmen soll, mehr Sport zu treiben. Die Temperaturen laden mich weder zu einer Joggingrunde ein noch zum regelmäßigen Gang ins Fitnesscenter. Und die frühe Dunkelheit sagt mir einzig, dass es nichts Schöneres und Vernünftigeres gibt als einen gemütlichen Abend zu Hause.
Es gibt keinen anderen Monat, in dem mein Bedürfnis, mich zurückzuziehen, so intensiv und meine Bereitschaft, Neues anzupacken, so gering ist. Ich würde mich im Januar am liebsten in eine besondere Form von Winterschlaf begeben, die ausschließlich aus warten und beobachten besteht. Einfach mal schauen, was das neue Jahr so von mir will.
Und dieses Warten und Beobachten bringt mich zur Frage, ob ein Neubeginn nicht etwas ganz anderes ist als eine zeitliche Kategorie. Hier gibt es ja beeindruckende Vordenkerinnen. Für die Philosophin Hannah Arendt beispielsweise kann sich der Mensch nicht einfach auf seine Umstände, seine Geschichte oder das System berufen. Der Mensch kann anfangen und handeln. Er kann Dinge in Gang setzen, deren Ausgang offen ist. Darin sieht Hannah Arendt Freiheit. Etwas beginnen, ohne zu wissen, wohin es führt und dafür die Verantwortung zu übernehmen.
Mir gefällt dieser Gedanke und man kann ihn so schön weiterdenken. Eigentlich ist ja jeder Tag ein Neubeginn, sogar jeder Moment. Und vor diesem Hintergrund ist der Rhythmus des Lebens vielleicht ein ganz anderer als der zeitliche Rhythmus, den wir erlernt haben.
Über die Weihnachtstage las ich Sten Nadolnys Roman »Die Entdeckung der Langsamkeit«. Die Geschichte spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und es geht um den englischen Seefahrer John Franklin. Schon als Kind war es sein Traum, zur See zu fahren. Dafür schien er allerdings denkbar ungeeignet, da er in allem, was er tat, extrem langsam war. Er hatte ein ganz anderes Zeitempfinden als andere Menschen.
So kam er zum Beispiel mit Hühnern überhaupt nicht klar. Sie waren ihm zu schnell und zu unstet. Sie spielten seinen Augen Streiche, indem sie regungslos dastanden, dann kratzten, den Hals reckten, pickten, wieder erstarrten, als hätten sie nie gepickt und frech vortäuschten, dass sie seit Minuten unverändert stünden. Und dann plötzlich dieses Geflatter und Geschrei. Auch die Anordnung ihrer Augen irritierte John. Er wusste nie, wo ein Huhn hinschaute. Aus seiner Sicht fehlte Hühnern der gesammelte Blick und die angemessene Bewegung.
Johns Irritation über die Hühner kann ich verstehen. Auch mich machten die Tiere schon immer nervös. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und fühlte mich immer ein wenig allein mit meiner Abneigung gegen Hühner. Umso beruhigter bin ich, seit ich weiß, dass Menschen nachgewiesenermaßen eine individuelle zeitliche Auflösungsfähigkeit besitzen. Und wenn diese langsam ist, sind Hühner einfach zu schnell. Vielleicht hat auch dies ein wenig mit meinen Anlaufschwierigkeiten im Januar zu tun.
Ich vermute, dass jeder Mensch seinen eigenen Rhythmus des Lebens hat. Und wahrscheinlich gilt dies nicht nur für die gefühlte Zeit als Dauer, sondern auch für das Jetzt. Gemäß dem spirituellen Lehrer Christopher Wallis ist die Forderung nach dem Leben im »Hier und Jetzt« ohnehin häufig ein Missverständnis.
Er begründet dies so: Denken wir weder an die Vergangenheit noch an die Zukunft (sofern es uns denn gelingen sollte), kann das »Hier und Jetzt« zu einer spirituellen Umgehung (spirituelles Bypassing) werden. Vermeiden wir die Vergangenheit, scheuen wir uns gerne davor, die Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Vermeiden wir die Zukunft, kann dies zu einer persönlichen und gesellschaftlichen Verantwortungslosigkeit führen. Laut Wallis geht es vielmehr darum, auf die Gesamtheit der Erfahrungen zu achten, auf die Gesamtheit dessen, was jetzt gegenwärtig ist: Körper, Umgebung, Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer.
Solche Gesamtheiten kann man in jedem Moment von Neuem wahrnehmen. Wobei noch zu klären wäre, was überhaupt ein Moment ist. In der neurologischen Forschung ist man hier überraschend klar: Man hat herausgefunden, dass ein gefühlter Moment nachgewiesenermaßen drei Sekunden dauert. Dies ist der Zeitraum, indem unser Gehirn Wahrnehmungen zu einer Jetzt-Einheit strukturiert.
Wir können also alle drei Sekunden neu anfangen. Und wenn man keine Hühner mag in vielleicht etwas längeren Abständen. Ist das nicht eine gute Nachricht?
Marion Völger
Wer sich tiefer in gefühlter Zeit und in anderen Irrwegen verlieren möchte, dem seien die folgenden Bücher empfohlen:
Stan Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, Piper Verlag 1987
Christopher Wallis, Toxic Spirituality, Wie man Irrwege erkennt und wirklich frei wird, O.W. Barth 2025
Marc Wittmann, Gefühlte Zeit, Kleine Psychologie des Zeitempfindens, Verlag C.H. Beck, 2012

