Über laute und leise Grenzen

Bei meinen regelmäßigen Streifgängen durch die Buchhandlungen fiel mir in den letzten Monaten ein neues Modethema auf. Ich nenne es »Achtsamkeits-Bashing«.

Die Autorinnen und Autoren gehen dabei den Angeboten rund um das Thema Achtsamkeit auf den Grund und kommen irgendwann zum Schluss, dass es nur noch um eine Ideologie gehe, die behaupte, mit der Beobachtung des Atems würden alle Probleme gelöst. Und diese Ideologie würde auch noch zunehmend von Krankenkassen und Arbeitgebenden unterstützt.

Ich will hier nicht in die Details gehen, diese Bücher haben zweifellos ihren Wert. Man kann und soll hinterfragen, was heute alles mit dem Achtsamkeitslabel versehen wird. Bei Dingen, die man kaufen kann, habe ich da grundsätzlich meine Zweifel. Und bei Kursangeboten und Retreats genau hinzuschauen, halte ich für sinnvoll. Was mir an all diesen Büchern aber auffällt, ist der wütenden Grundton.

Wut ist eine Erscheinung unserer Zeit geworden und sie kann zweifellos heilsam und reinigend sein. Wut braucht viel Energie. Energie, die wir manchmal freisetzen müssen, wenn wir etwas verarbeiten. In Trauerphasen zum Beispiel kann Wut ein wichtiger Teil des Prozesses sein. Spüren wir Wut in uns, kann dies auch ein wichtiger Hinweis auf eine Grenzverletzung sein. Beispielsweise, wenn uns jemand respektlos behandelt.

Allerdings frage ich mich, ob ein wütender Grundton, wie er die Welt gerade vielerorts überzieht, die Handlung wirklich weiterbringt. Wut, die unser Ego produziert oder die aus Kränkung entsteht, zieht keine gesunden Grenzen, sie errichtet Mauern. Und irgendwann schlägt sie in Aggression um.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte aus der indischen Mythologie von König Janaka und dem Weisen Ashtavakra.

Durvasa war ein mächtiger Rishi, der für seine spirituelle Kraft ebenso berühmt war wie für sein aufbrausendes Temperament. Eines Tages schenkte er dem Himmelskönig Indra eine göttliche Blumengirlande als Zeichen des Segens.

Indra nahm das Geschenk zwar entgegen, legte die Girlande aber achtlos auf den Kopf seines Elefanten Airavata. Der Elefant warf sie zu Boden und zertrat sie.

Durvasa empfand dies als Ausdruck von Hochmut und Respektlosigkeit. In seiner Wut verfluchte er Indra und die Götter. Sie sollten ihre Kraft, ihren Glanz und ihr Glück verlieren. Der Fluch hatte gewaltige Konsequenzen. Die Götter wurden schwach und um zu verhindern, dass ihre Feinde die Oberhand gewannen, mussten die Götter und Dämonen gemeinsam den Milchozean aufquirlen, um den Nektar der Unsterblichkeit zu brauen. Als Quirl benutzten sie den Berg Meru, den sie aus Versehen versenkten.

Dank einer Schildkröte geht die Sache gut aus, darüber habe ich an anderer Stelle bereits berichtet. Die Geschichte vom verquirlten Milchozean kann als innerer spiritueller Prozess verstanden werden, bei dem Tugenden und Laster in einem Menschen miteinander ringen. Und genau darum geht es ja auch bei der Wut.

Um auf die Achtsamkeit zurückzukommen, ist es wahrscheinlich wie bei jeder Modeerscheinung, die irgendwann zu einer Ideologie wird. Am Ende ist es einfach ein großes Missverständnis, weil es schon lange nicht mehr um die Sache selbst geht. Deshalb glaube ich, dass wir gut daran tun, innezuhalten und uns zu fragen, worum es eigentlich genau geht, wenn wir wütend werden.

Ist es eine Wut, die andere Gefühle verdeckt, wie Angst, Scham oder Verletzung? Oder ist es unser Ego, das Wut entstehen lässt, weil es uns das Bedürfnis einredet, ständig Recht haben zu müssen? Oder ist die Wut eine Reaktion auf eine tatsächliche Grenzverletzung? Letzteres wäre dann tatsächlich heilsam. Diese Art von Wut schützt uns.

Werden wir wütend, haben wir aber oft schlicht und einfach den Kontakt nach Innen verloren. Das passiert ganz rasch, wenn wir uns ständig in der Außenwelt aufhalten und uns durch alle möglichen Dinge ablenken lassen.

Tatsächlich kann ich kein Problem lösen, wenn ich mich mit allerlei Tätigkeiten verzettle und meine, gerade noch alles Mögliche an mich heran- und in mich hineinlassen zu müssen. Wenn ich unangenehmen administrativen Kram erledigen sollte, schrumpft mein Nüssevorrat meistens drastisch und ich kenne alle Schlagzeilen meiner bevorzugten Zeitungen. Mit der Zeit wird man unruhig, bekommt schlechte Laune und ja, irgendwann wird man auch wütend.

Oft geht es in unserem Alltag darum, gerade uns selbst Grenzen zu setzen und nicht so sehr den anderen. Grenzen zu setzen derart, dass wir lernen, Raum zu schaffen für das Innehalten und so die Stille wieder auszuhalten. Dazu müssen wir aber erst einmal verlernen, vor der Stille davonzulaufen und uns ständig abzulenken.

Und jetzt kommt der schwierige Punkt: Dieses Verlernen macht uns verletzlich, weil die Mauern, an die wir uns gewöhnt haben, nicht mehr da sind.

Während ich dies schreibe, frage ich mich, ob vielleicht gerade hier der entscheidende Unterschied liegt zwischen einer gesunden Wut, die uns schützt, und einer Wut, die uns eher schadet: in der Akzeptanz unserer Verletzlichkeit.

Könnte gesunde Wut helfen, unsere Verletzlichkeit zu akzeptieren? Und bräuchte es dann vielleicht gar keine Wut mehr? Ich lasse die Frage mal so stehen, man kann ja - frei nach Rilke - in die Antworten hineinleben. Und dabei hilft es ganz bestimmt, den Atem zu beobachten.

Marion Völger

www.silentmoves.blog

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